Das steckt hinter dem Weltrekord-Wahnsinn

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Letesenbet Gidey war nicht überrascht. „Ich habe erwartet, einen Weltrekord zu laufen“, sagte die schnelle Frau aus Äthiopien. Doch der Rest der Welt rieb sich angesichts des 10.000-Meter-Wahnsinns von Hengelo verwundert die Augen.

Schließlich rannte Gidey mit ihren neuartigen Spikes nicht nur sensationelle 29:01,03 Minuten – sondern knackte auch um fünf Sekunden den erst rund 50 Stunden alten Weltrekord von Sifan Hassan. Die Weltmeisterin aus den Niederlanden hatte erst am Sonntag auf derselben Bahn den Weltrekord um mehr als zehn Sekunden verbessert, was schon verrückt genug war.

Denn der 10.000-Meter-Weltrekord bei den Frauen ist nicht irgendeine Weltbestmarke. 1993 in Stuttgart war die Chinesin Wang Junxia, Mitglied der ominösen Schildkrötenblut-Armee, 29:31,78 Minuten gelaufen. 23 Jahre lang näherte sich eine Athletin höchstens bis auf 20 Sekunden dieser Zeit, ehe Almaz Ayana in Rio in 29:17,45 Minuten Olympiasiegerin wurde. 

„Mein Training und Jesus sind mein Doping“, sagte Ayana damals. Dann kam erst Hassan, nun übernahm Gidey. 

Mit Wunderschuhen zum Rekord

„Ich bin nicht überrascht, ich freue mich sogar darüber“, sagte Hassan, die sich bei Olympia in Tokio mit der Vizeweltmeisterin Gidey ein packendes Duell über die 25 Stadionrunden liefern dürfte. 

Beide laufen seit einiger Zeit mit den Aufsehen erregenden Spikes ihres Ausrüsters Nike, ein in Form gegossenes Hightech-Produkt an den Füßen. Der Spike ist mit einer Carbonplatte ausgestattet und enthält einen einzigartigen Schaumstoff – so entwickelt er eine Art Federwirkung.

„Dieser Schuh hat eine sehr gute Dämpfung. Darin fühlen sich die Läuferinnen einfach sehr gut“, erklärte Tono Kirschbaum, Langstrecken-Bundestrainer der Frauen, bei SPORT1.

Norweger bricht Europarekord

Das gilt allerdings auch für die Männer. Europameister Jakob Ingebrigtsen aus Norwegen knackte mit den Nike-Schuhen beim Diamond-League-Meeting in Florenz den Europarekord über 5000 Meter. In 12:48,45 Minuten blieb er mehr als eine Sekunde unter der bisherigen Bestmarke des Belgiers Mohammed Mourhit aus dem Jahr 2000 (12:49,71).

Ingebrigtsens Zeit bedeutete auch deutliche Jahresweltbestleistung. In der „ewigen“ Bestenliste liegt er damit als bester nicht in Afrika geborener Läufer auf Platz 20.

Der deutsche 5000-Mieter-Meister Mohamed Mohumed ist selbst auch schon mit Carbon-Schuhen gelaufen. „Man fühlt sich darin wohler und hat dadurch das Gefühl, schneller zu sein. Das ist viel Kopfsache. Wenn man sich über die ganze Distanz wohler fühlt, denkt man auch, man könne schneller laufen“, verriet der 22-Jährige SPORT1.

Fairer Wettkampf trotz Carbonplatte

Und weiter: „Ich weiß von anderen Athleten, dass die Schuhe viel mit dem Kopf machen. Ein Athlet ist dann bei einem anderen Sponsor und glaubt, dass er dadurch einen Nachteil hat. Der andere hat den Schuh und glaubt, schneller zu sein.“

Der Langstreckenläufer, der auf Puma-Schuhe vertraut, vergleicht es mit Auto-Herstellern: „Die unterschiedlichen Marken sind einfach verschieden weit in der Entwicklung.“ Er persönlich mache sich damit aber nicht verrückt. „Ich habe genug Vertrauen in mich selbst, um zu wissen, dass ich in meinen normalen Spikes genauso schnell laufen kann.“

Richard Ringer betonte bei SPORT1, dass mittlerweile alle Marken „passable Schuhe“ haben. Der Marathon-Läufer, auf dem Asphalt naturgemäß ohne Spikes unterwegs, sieht keinen Nachteil für Athleten, die ohne Carbonplatte laufen. „Man kann nicht mehr sagen, dass die Athleten mit einem bestimmten Schuh immer vorne sind, das Training nimmt jetzt wieder eine größere Rolle ein“, sagte der 32-Jährige, der bei Asics unter Vertrag steht.

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Dem pflichtete auch Kirschbaum bei: „Man kann trotzdem von einem fairen Wettkampf sprechen, weil die Schuhe allen zugänglich sind. Es bleibt schon fair.“

Der Gewinn zahle sich ohnehin nur über längere Strecken aus, wie 400-Meter-Läuferin Alica Schmidt bei SPORT1 deutlich machte: „Über 400 oder 100 Meter kann man ja gar nicht so viel machen, das ist so eine kurze Zeitspanne um da etwas einzusparen. Da kenne ich mich aber auch zu wenig aus. Klar ist, das macht bei einem Marathon noch mal einen viel größeren Unterschied, wenn man zwei Stunden unterwegs ist. Da ist das Schuhwerk generell viel wichtiger.“

Schuhe umstritten, aber zugelassen

Dennoch sind die Schuhe durchaus umstritten, vom Weltverband World Athletics aber zugelassen.

Kirschbaum: „Das ist mittlerweile vom internationalen Verband ziemlich limitiert worden. Aber es ist schwer nachzuweisen, wie viel Gewinn daraus entsteht. Ob das der Grund ist, dass innerhalb von zwei Tagen zweimal der Weltrekord geknackt wurde, weiß ich nicht. Das glaube ich aber auch nicht.“

In Hengelo wiesen Gidey zudem blinkende LED-Lichter unten links in der Bahn den Weg, die 23-Jährige flog mit dem digitalen Tempomacher um die Runden – und legte mit der Zeit sogar an Tempo zu. Ihr letzter Kilometer war mit Abstand der schnellste: 2:44 Minuten!

Es handelt sich dabei um sogenannte Wavelights, „eine wandernde Lichterkette auf der Außenkante der Umrandung der Bahn, die auf eine gewünschte Endzeit programmiert wird“, wie Kirschbaum erläuterte.

„Dann bewegt sich diese Lichterkette im Tempo dieser Zeit unabhängig von der Geschwindigkeit des Läufers. Das kann man auf eine Weltrekordzeit oder auch eine Normleistung programmieren“, so der Leichathletik-Coach weiter.

Gidey will „Weltrekord noch einmal zu brechen“

Den Einsatz der Wavelights hält Kirschbaum für legitim. Denn: „Sonst hatte man auch Pacemaker. Von daher halte ich das auch für legitim. Bei den Schuhen hat man es reglementiert, aber die neuen Schuhe sind mit Sicherheit ein Vorteil.“

Gidey hat nach ihrem Erfolg bereits das nächste Ziel vor Augen: „Ich würde gerne versuchen, den Weltrekord noch einmal zu brechen und 29 Minuten zu unterbieten“, sagte sie. Zum Vergleich: Der deutsche Rekord über 10.000 m von Konstanze Klosterhalfen liegt bei 31:01,71 Minuten. Die 24-Jährige wäre in Hengelo damit mindestens einmal überrundet worden.

Gidey, die bislang selten in ihrer Karriere die 10.000 m lief, legte einen beachtlichen Leistungssprung hin. Ihre bisherige Bestleistung aus dem Jahr 2019 hatte bei 30:21,23 Minuten gelegen, nun ist sie nach der Norwegerin Ingrid Kristiansen (1986-1993) die erste Frau, die gleichzeitig den Weltrekord über 5000 (14:06,62 im Oktober 2020) und 10.000 m hält. 

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Mit Sport-Informations-Dienst

Source: sport1.de