Rummenigge: "An diesem Tag bestand Explosionsgefahr"

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Gut gebräunt erscheint Karl-Heinz Rummenigge zum einstündigen Interview für das SPORT1 Bundesliga Sonderheft. Hinter ihm liegen anstrengende Bayern-Monate mit zahlreichen Höhen und Tiefen, die nicht nur den Verein geprägt haben, sondern auch den Vorstands-Boss des Rekordmeisters. Rummenigge wäre aber nicht er selbst, würde er nicht bereits nach vorne blicken.

Die klare Botschaft, obwohl der Verein noch im Transferstau steckt: Die Bayern wollen in der Champions League angreifen. Im besten Fall mit konstant attraktivem Fußball. 

SPORT1: Herr Rummenigge, was verstehen Sie unter dem Klubmotto “Mia san Mia”?

Karl-Heinz Rummenigge: Nicht-Bayern “übersetzen” es manchmal wörtlich mit “Wir sind Wir” ins Hochdeutsche. Das hört sich dann vielleicht für den einen oder anderen etwas arrogant an. Es soll aber vielmehr ausdrücken, dass der FC Bayern eine große Familie ist, in der alle Zuflucht finden und zusammenstehen, wenn sie irgendwelche Probleme oder Nöte haben. Egal ob es Spieler, Fans oder wen auch immer betrifft. Wir versuchen hier, harmonisch und loyal miteinander zu leben.

SPORT1: Die Südkurve kritisierte am 34. Spieltag der vergangenen Saison aber mit Spruchbändern, dass man mit Ihrem Alle-müssen-liefern-Zitat dieses Vorhaben bei Niko Kovac hat vermissen lassen.

Rummenigge: Ich habe das damals nicht einfach so dahingesagt, dass beim FC Bayern jeder und egal in welcher Funktion liefern muss. Darauf fußt das System FC Bayern. Ich musste dann an diesem Tag aber etwas schmunzeln, weil ich mir gedacht habe: ‘Naja, jetzt sind wir Deutscher Meister geworden. Es ist also geliefert worden.’ Grundsätzlich habe ich gar kein Problem damit, wenn in der Südkurve mit einem Spruchband mal Unmut ausgedrückt wird.

“Habe mich bei Neuer entschuldigt”

SPORT1: Wie weit darf man sich als Vereins-Boss auf die Fankurven einlassen?

Rummenigge: Man muss das von Fall zu Fall sehen. Für die Plakate mit “Koan Neuer” habe ich mich geschämt und war enttäuscht. Ich kann mich noch erinnern, wie ich damals nach dem Spiel (0:1, d. Red.) in die Kabine von Schalke 04 gegangen bin und mich bei Manuel Neuer entschuldigt habe. Er ist damit unglaublich rational und seriös umgegangen und hat gesagt: ‘Ich habe nur eine Frage: Stehen Sie und Herr Hoeneß hinter meinem Transfer?’ Da habe ich gesagt: ‘100 Prozent.’ Er hat dann gesagt: ‘Dann ist alles okay. Dann komme ich.’ Das werde ich ihm nie vergessen.

SPORT1: Niko Kovac hat in einem schwierigen ersten Jahr das Double eingefahren. Wie bewerten Sie seine bisherige Leistung?

Rummenigge: Niko ist ein relativ junger Trainer. Die abgelaufene Saison war sicher nicht immer einfach für ihn, aber bestimmt sehr lehrreich. Und am Ende hat er das Double gewonnen. Wie heißt es so schön: Ende gut, alles gut.

SPORT1: Geht Kovac mit zwei Titeln gestärkt in die neue Saison?

Rummenigge: Ja, denn Titelgewinne helfen natürlich.

SPORT1: Das 3:3 in der vergangenen Hinrunde gegen Fortuna Düsseldorf galt als Wendepunkt der Saison. Fortan lief es. Stand Kovac nach diesem Spiel vor der Entlassung?

Rummenigge: An diesem Samstag bestand in der Kabine Explosionsgefahr. Wir haben dann aber richtig entschieden, indem wir alle nach Hause gefahren sind und uns erst am Montag darüber beratschlagt haben, wie wir mit der Situation umgehen. Es wurde dann intern Klartext gesprochen. Mit dem Ergebnis, dass man danach wieder gemeinsam die Kurve gekriegt hat. Uns war klar: Es muss jetzt sofort eine Reaktion der Mannschaft kommen ­– in Form von Ergebnis und Spielkultur. Glücklicherweise ist dieses Kalkül aufgegangen.

“Gelassenheit tut uns gut”

SPORT1: Wird es in Zukunft bei den Bayern gelassener zugehen?

Rummenigge: Dieser Verein kocht natürlich mit Wallungen und Emotionen. Trotzdem würde ich sagen, dass diesem Klub ein Stück Gelassenheit und Rationalität manchmal auch gut zu Gesicht steht. Ich glaube daher, dass es die richtige Entscheidung war (nach dem 3:3, d. Red.), mit ruhiger Hand zu reagieren.

SPORT1: Was in diesem Jahr auffiel: Zwischen den Bayern und Dortmund ging es harmonisch zu wie selten. 

Rummenigge: Als uns der BVB zeitweilig mit neun Punkten Vorsprung davongelaufen war, wurde in der ganzen Zeit aus Dortmund nicht ein hämischer Satz Richtung München losgelassen. Als wir dann in der Rückrunde Punkt für Punkt aufgeholt haben, fand ich es nicht nur fair, sondern auch seriös, analog dasselbe zu tun.

SPORT1: Wie bewerten Sie die bisherigen BVB-Transfers?

Rummenigge: Positiv. Wir haben in der Vorsaison international etwas erlebt, das man im Englischen als “Nightmare” bezeichnen würde. Ein zweites solches Jahr sollten wir uns alle ersparen, denn das wäre für das Image und die Finanzen der Bundesliga kontraproduktiv. In dieser Saison muss das besser werden und da hilft Qualität auf dem Platz. Außerdem sage ich immer: Wir haben alle – auch Bayern München – ein Interesse an Konkurrenzkampf. Den hatten vor der abgelaufenen Saison sechs Jahre lang nicht.

SPORT1: Mit welcher Konkurrenz rechnen Sie in dieser Saison?

Rummenigge: Erstmal wollen wir zum achten Mal in Folge die Meisterschaft holen. Aber ich weiß, dass Dortmund uns wieder angreifen wird. Ich gehe davon aus, dass auch RB Leipzig mit Julian Nagelsmann versuchen wird, ein Stück näher an uns heranzurücken. Vielleicht auch Bayer Leverkusen, die mit seinem neuen Trainer zumindest in der vergangenen Rückrunde eine gute Entwicklung hatte. Ich schaue übrigens jeden Sonntag englischen Fußball. Nicht nur, weil er interessant ist, sondern auch, weil er so kraftvoll ist. Da hast du fünf, sechs Mannschaften, die um den Titel mitspielen. Das tut dieser Liga gut.

“Champions League ist die Benchmark”

SPORT1: Geht es für den FC Bayern diese Saison mal wieder nur um das Triple?

Rummenigge: Dieser Klub lechzt nach der Champions League. Wir haben in 119 Jahren Klubgeschichte aber nur einmal das Triple gewonnen. Das wird manchmal vergessen. Natürlich war es eine großartige Erfahrung, die wir 2013 gemacht haben. Ich habe aber den Eindruck, dass es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, diese Trophäe zu gewinnen. Trotzdem: Die Anstrengung Champions League ist immer wieder die “Benchmark” und das hat weltweit natürlich eine wahnsinnige Ausstrahlung. 2014 sind wir nach Portland (USA, d. Red.) gereist. Da ist unsere Mannschaft wie eine Boy-Group empfangen worden. Wie die Rolling Stones oder die Beatles – nur in einer jüngeren Ausgabe.

SPORT1: Was braucht es, um die Champions League zu gewinnen?

Rummenigge: Es ist der Mix. Ich bin auch kein Freund des Jugendwahns, da bin ich ganz ehrlich. Das wird in Deutschland so langsam überstrapaziert. Wir sollten nicht immer nur 18- oder 19-Jährige verpflichten, denn am Ende des Tages spielt Erfahrung eine große Rolle. Schauen Sie sich nur das DFB-Pokalfinale an. Das haben zwei Männer entschieden: Manuel Neuer im Tor und Robert Lewandowski, der aus dem Nichts zwei Tore gemacht hat. Das sind zwei Spieler, die vorne eine “3” stehen haben. Man braucht eben auch die erfahrenen Spieler, die wissen, wie man in solchen Spielen als Sieger vom Platz geht.

SPORT1: Wünschen Sie sich für die Zukunft das erfolgreiche oder das schöne Spiel beim FC Bayern?

Rummenigge: Den Anfang mit diesem “schönen Spiel” hat Louis van Gaal 2009 gemacht. Die des Ballbesitzes, die der Spieleröffnung von hinten, des Positionsspiels. Das war für Deutschland eine neue Fußball-Kultur. Dann kam Jupp Heynckes, dessen Mannschaftsführung überragend war und der wahrscheinlich der empathischste Trainer ist, den diese Welt je gesehen hat. Jupp hat mit den Spielern eine so unglaubliche Einheit gebildet. Danach kam Taktik-Papst Pep Guardiola zu uns. Wir haben mit diesen dreien höchst erfolgreiche Jahre erlebt und darüber hinaus einen modernen und attraktiven Fußball zelebriert.

SPORT1: Trauen Sie Kovac zu, mit seinem Spielstil dauerhaft erfolgreich zu sein?

Rummenigge: Ich glaube erstmal, dass sich ein Trainer der Spielkultur eines Klubs anpassen muss – und nicht umgekehrt. Ansonsten hat man auf dem Platz permanent einen Wechsel des Personals. Jeder Trainer hat seine Präferenzen darüber, wie ein Spieler in seinem System spielen soll. Nur: Am Ende des Tages muss es ein Bayern-System geben, wie es ein Barcelona-System gibt. Das System, mit dem wir über Jahre und mit unterschiedlichen Trainern sehr erfolgreich waren und welches spektakulärsten Fußball beinhaltete. Wir haben damit die Champions League gewonnen, standen damit dreimal im Finale und quasi immer im Halbfinale. Es wird jetzt eine wichtige Aufgabe von Niko Kovac sein, diese Spielkultur mit unserer verjüngten Mannschaft weiter zu kultivieren.

SPORT1: Wird Hasan Salihamidzic eigentlich unterschätzt?

Rummenigge: Ich glaube jedenfalls, dass man ihn nicht unterschätzen sollte. Wenn er loslegt und Fährte aufgenommen hat, dann lässt er nicht so einfach locker. Dabei begleiten wir ihn, denn der Transfermarkt muss ja auch in einen finanziellen Kontext passen.

Was sich Rummenigge von Kahn wünscht

SPORT1: Wie wichtig sind sogenannte Weltstars – wie Sie einst James Rodríguez bezeichneten – im Kader? Vor allem im Hinblick auf die Vermarktung.

Rummenigge: Bayern München ist da draußen eine Marke geworden. Aber bislang haben wir nie einen Spieler verpflichtet, nur weil er wie James 80 Millionen Follower in den sozialen Medien hat. Das haben wir bis dato nicht gemacht, weil wir bislang immer den Fußball und nicht die Vermarktbarkeit in den Vordergrund gestellt haben. Das spielt speziell bei Vereinen aus dem Süden Europas eine große Rolle. Ideal ist es, wenn du einen Spieler verpflichtest, der beides darstellt: Einer, der dich fußballerisch weiterbringt und das Image national wie international erhöht.

SPORT1: Mit Oliver Kahn steht Ihr Nachfolger schon in den Startlöchern. Sind Sie schon wehmütig ob Ihrer bevorstehenden Ablösung 2021?

Rummenigge: Ich schlafe völlig ruhig und traue das Oliver zu. Das ist die wichtigste Voraussetzung. Ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die sagen, sie seien unersetzlich, denn ich habe seit langer Zeit den Glauben, dass jeder ersetzbar ist. Ich bin davon überzeugt, dass Bayern München mit Oliver Kahn weiterhin positive Zeiten erleben wird. Ich wünsche mir, dass dieses Schiff FC Bayern weiterhin mit Visionen, Elan und Emotionen geführt wird und der Fußball dabei immer im primären Blick ist.

Source: sport1.de